Naturpark Edersee

Kaiser Wilhelm und sein enormer Bedarf an Wasser

Eigentlich war es „früher“ genauso wie „heute“: Geschäftsleute und Politiker rechneten groß, investierten viel Geld und die „Kleinen“ mussten darunter leiden.
So war es auch zu Zeiten Kaiser Wilhelms vor über einhundert Jahren in den Gebieten unseres heutigen Deutschlands, als aufgrund der „Neuen wasserwirtschaftlichen Gesetze in Preußen“ Kanäle gebaut wurden, um die Transportwege zu Wasser zu ermöglichen.
Der Mittelkanal verband Ost mit West, Elbe mit Rhein, und ist heute noch der längste künstliche Wasserweg unseres Landes mit 325 Kilometern.

Der Nord-Ostsee-Kanal weiter nördlich verbindet die Nordsee mit der Ostsee und ist die am meisten befahrene künstliche Wasserstraße für Seeschiffe weltweit!!!

Diese künstlich angelegten Wasserstraßen vereinfachen die Lieferungen per Schiff von A nach B, sparen Zeit und damit Geld. Ganz egal ob es sich um Warenlieferungen oder Militäroperationen handelte.

Alles schön und gut, aber was haben die Kanäle in Norddeutschland mit dem Edersee in Hessen zu tun?

Der Kaiser brauchte Wasser! Und zwar Wasser für seinen neugeschaffenen Mittelkanal, dessen Bau um 1905 startete. Ein wichtiger Zufluss für den Kanal ist die Weser, die bei Hann. Münden aus den Flüssen Werra und Fulda entspringt. Und in die Fulda fließt der Fluss Eder: Ab hier kommt die Region Waldeck ins Spiel, durch die die Eder fließt. Es entstand der Plan, die Eder zu stauen und mit diesen Reserven die Weser und damit letzten Endes den Pegel im Mittelkanal zu sichern.

Welche Kleinen mussten leiden? Na, die Einwohner der Dörfer Asel, Berich und Bringhausen, die umgesiedelt wurden bzw. werden mussten. Deren Lebensmittelpunkte Elternhaus und Arbeit versanken quasi im Wasser, denn die Dörfer lagen im Tal. Und leiden mussten die Landwirte in Nord- und Ostdeutschland, die unter dem Namen „Kanalrebellen“ in die Geschichte eingingen, und die sich vor billiger Ware aus dem Westen fürchteten – Aha, das kennen wir doch!

Bau der Edertalsperre

Nun gut, die Herrschaften aus dem Fürstentum Waldeck – dort lag das optimale Gebiet für eine Talsperre – und Preußen einigten sich (mehr oder weniger) finanziell und die Planungen konnten beginnen.

Die bereits erwähnten Taldörfer wurden abgerissen und weiter oben wieder aufgebaut. Auch zu „tief“ liegende Teile von weiteren Dörfern wurden „hochgesetzt“, Infrastruktur wurde geschaffen. 1909 begannen dann endlich die Arbeiten an der Talsperre, die zur damaligen Zeit eines der größten Bauprojekte weltweit war.

Im Frühjahr 1914 war die Staumauer mit 400 Metern Länge und 46 Metern Höhe fertiggestellt.

Die Einweihungsfeier musste leider abgesagt werden, weil der 1. Weltkrieg dazwischen kam. Kaiser Wilhelm konnte dadurch sein Projekt erst 1918 besuchen, ein Vierteljahr später musste er abdanken.

Einen Weltkrieg später wurde die Mauer 1943 von der britischen Royal Air Force bombardiert und ein etwa 22 Meter hohes Loch hinein gesprengt. Die bis zu acht Meter hohe Flutwelle übergoss die Region mit Wasser, Schlamm und Schutt, viele Menschen starben.

Heute ist der Edersee weiterhin ein wichtiges Element für die Wasserversorgung bis hoch nach Norddeutschland und durch mehrere Wasserkraftwerke auch für die Stromversorgung. Auch der Tourismus, der durch den Stausee entstand, war von Beginn an eine tragende Säule der Region. Und nun von der Geschichte mit ironischem Unterton zur heutigen Realität:

Nationalpark Kellerwald - Edersee

Ein Naturparadies in Nordhessen

Das Fürstentum Waldeck umfasste ungefähr die heutige Region rund ums Dreieck Arolsen, Korbach und Bad Wildungen. Das Gebiet rund um das Mittelgebirge Kellerwald und der heutigen Edertrtalsperre war schon zu diesen Zeiten von Wäldern und Natur geprägt, denn es diente den Fürsten als Jagdgebiet. Nach und nach entstanden Höfe und Dörfer, drum herum Weideland für Vieh und Ackerland für Nahrung.

1963 wurde das heutige Gebiet zum Wildschutzgebiet ernannt, 1990 zum Waldschutzgebiet. Nur ein Jahr später wurde es zum „Bannwald“ und damit als solcher nach dem Hessischen Waldgesetz in seiner Flächensubstanz in besonderem Maße schützenswert. Und so ging es weiter bis zum UNSECO-Weltnaturerbe (2011) und der letzten Erweiterung um knapp 2000 Hektar (2020).

Es wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um die heimischen Bäume und Pflanzen zu schützen. Beispielsweise wurden Kiefern geschlagen und mit dem Helikopter abgeholt um seltene Vorkommen nicht zu schädigen. Auch die Traubeneichen und Rotbuchen wurden „freigestellt“ ergo Douglasie, Roteiche und Co. mussten weichen.

Die Geschichte, aktuelle Aktionen und Führungen sowie massenweise Informationen findet ihr auf der Webseite des Nationalparks Kellerwald-Edersee hier.

Urwaldsteig und Wanderung nach Atlantis

Zur besseren Übersicht und Steuerung von Touristen ist der Rundweg Urwaldsteig ausgeschildert und lädt zu richtigen Relikten aus der Baumwelt ein. Urige, knorrige Buchen und Eichen warten auf euch (und uns, wir machen den Rundweg beim nächsten Besuch). Außerdem einmalig: Durch die Schutzmaßnahmen und eben weil nicht der Mensch eingreift ist hier ein Urwaldkäfer-Hotspot entstanden. Schon 36 Urwaldreliktarten, Käfer, die auf Totholz von uralten Bäumen spezialisiert sind, wurden im Nationalpark Kellerwald-Edersee nachgewiesen – da können sich einige Forstämter eine Scheibe von abschneiden. Informationen und noch mehr Führungen findet ihr hier!

Heute suchen wir uns einen schönen Wanderparkplatz und wandern zum „Hessischen Atlantis“. Vom Baumwipfelpfad aus haben einen Tag vorher schon die Friedhofreste von Alt-Berich von oben gesehen (siehe nächstes Kapitel), nun geht es direkt auf den Grund des Ederstausees, zur Brücke Asel.

Mit vier Brückenbögen und 60 Metern Länge ist die Brücke das am besten erhaltene Bauwerk der ehemals bewohnten Infrastruktur von Asel. Schon beeindruckend, dass man ein paar Monate später mal so 10 Meter tief tauchen müsste, um unter die Brücke zu kommen. Im Spätsommer laufen wir sogar nur knöcheltief in der Eder.

Wildtierpark, Buchenhaus und Baumwipfelpfad

Haupteingang Hermfurth-Edersee

Einer der ersten und begehrtesten Anlaufpunkte für Besucher des Nationalparks Kellerwald-Edersee ist der Haupteingang Hermfurth-Edersee. Hier finden wir Tierpark, Baumwipfelpfad, Buchenhaus und Verpflegung an einem Ort.

Als Einstieg empfehlen wir eine kleine Runde durch das Buchenhaus. Wirklich goldig gestaltet können Kinder einige Waldbewohner – etwas vergrößert und in Form gebracht – hautnah erleben.

Danach spazieren wir eine Runde durch den Wildtierpark und besuchen auch die absolut empfehlenswerte, spannend erzählte und informative Greifvogelshow, während wir ab und an doch den Kopf einziehen mussten, wenn ein Terzel oder Weib im Tiefflug heranrauschte.

Über 200 Tiere leben im Tierpark, Hirsche, Füchse, Dachse, und sogar Luchse und Wölfe. Wir raten euch aber, nicht in der Mittagszeit auf die Pirsch zu gehen. Außer Streichelzoo, Otter und die Greifvögel haben wir nichts zu sehen bekommen, da die Tiere sich in den ausreichend großen Gehegen zurückziehen können. Da war wohl Mittagsschläfchen angesagt … .

Nach einer Stärkung holten wir die Räder aus dem Wohnmobil und radelten zum Baumwipfelpfad (zu Fuß etwa 20 Minuten). Der Waldweg vom Kassenhäuschen bis hin zu den ersten Stufen ist mit einigen lehrreichen Stationen abwechslungsreich gestaltet – siehe Dachsbau und Eichhörnchenkobel. Dann besteigen wir den Baumwipfelpfad und haben einen tollen Überblick über den Edersee. Bei unserem Besuch Anfang Herbst war Wassertiefstand und wir sahen Hessisch Atlantis von oben.

In unserer Bildergalerie bekommt ihr einen abwechslungsreichen Überblick, was euch hier in Nordhessen erwartet. Bei unserem nächsten Besuch kümmern wir uns um das Schloss Waldeck und den Urwaldsteig – versprochen!

Bildergalerie Edersee